gastbeitrag PHILIPP STENGLIN: „ist das kunst, oder kann das weg?“

Als ich im Mai 2021 mit zwei Collective-Mitgliedern in Nürnberg unterwegs war, hat Samu mir gesagt „Mit dem Begriff ‚Kunst‘ für unsere Fotos, tu ich mir persönlich schon etwas schwer!“ – Das hat mich zum nachdenken gebracht und ich möchte hier und heute gerne meinen persönlichen Blick auf die Streetphotografie mit euch teilen. Und dabei die Frage ob das (hohe) Kunst ist beantworten. Ich freue mich auf eure Blickwinkel, Ergänzungen und auf eine rege Diskussion.

Was ist Streetfotografie?
Die Streetfotografie hat extrem viele Facetten. Wenn ich die Streetfotografie beschreiben und in Kategorien stecken sollte, dann gibt es in meinen Augen drei Ausprägungen die sich stark voneinander differenzieren.

Diese grobe Einordnung möchte ich hier voranstellen, weil sie essentiell für alle anderen Fragestellungen gegenüber der Streetfotografie ist.

  1. Da ist zunächst mal die Dokumentarfotografie im öffentlichen Raum. Dokumentarfotografie nimmt für sich in Anspruch, dass sie die „Wahrheit“ zeigt.
  2. Abstrakte Fotografie die es wiederum in verschiedensten Ausprägungen gibt. Mal ganz nah an der Architektur-Fotografie mal näher an der Dokumentarfotografie. Immer aber mit einer starken Komposition und einem hohen Anspruch an die Ästhetik der Aufnahme.
  3. Streetfotografie als Storytelling. Diese Form nimmt es mit der Wahrheit der Aussage nicht so genau wie die Dokumentarfotografie. Vielmehr wird die Straße als riesige Bühne begriffen. Menschen und Objekte werden zu Protagonisten oder Komparsen und erzählen eine Geschichte die vielleicht mit dem tatsächlichen Vorgang nicht unbedingt viel zu tun hat.

Was kann Streetfotografie heute noch leisten?
Die Bilder der alten Meister und Aufnahmen aus dem 20. Jahrhundert hatten alleine noch dadurch eine hohe Bedeutung da nicht jeder fotografieren konnte. Der Zugang war deutlich limitierter. Und auch die analoge Fotografie war eine handwerkliche „Kunst“ die man erstmal beherrschen musste.

Heute kann jeder mit einem Smartphone zu jederzeit duzende Bilder in wenigen Sekunden aufnehmen. Die Bilder wären vermutlich im technischen Sinne auch alle ganz gut. Sie wären scharf, gut belichtet und geben das Gesehene richtig wieder.

Die Frage die sich Streetfotografie oft gefallen lassen muss lautet: Was unterscheidet die Bilder von wildem Handy geknippse der Teenies auf der anderen Straßenseite? Und ist dann jedes Handyfoto „Kunst“?

„Kunst heißt, dass man etwas kann, das nicht jeder kann.“ (Klexikon)

Da der Zugang zur Fotografie somit heute jedem offen steht, wird die Diskussion stärker auf das Ergebnis als auf den Erstellungsprozess gelenkt. In meinen Augen zu unrecht. Warum? Das wird später in diesem Artikel noch deutlich. Bleiben wir erstmal beim Ergebnis: dem Foto. In der Kategorie der abstrakten Aufnahmen gibt es häufig Ergebnisse die den Betrachter staunen lassen „Wie wurde das denn gemacht?“ – Die Kunst hinter der Aufnahme gewinnt dadurch sofort an Akzeptanz. In den Kategorien des Storytelling und der Dokumentarfotografie hingegen ist das oft ganz anders. „Naja, das Foto hätte ich auch machen können!“, „Was ist daran besonders?“, „Das war halt Glück, dass da grad diese Szene passiert ist“

Wer würde sich zutrauen ein Bild wie dieses zu malen?
Vermutlich hat aber niemand sonst so ein Gemälde bisher produziert. Und vermutlich hat niemand der so etwas gemalt hat, das Werk in eine Bedeutung gesetzt.

Wenn „Das hätte ich auch gekonnt“ also bedeutet „Den Auslöser hätte ich auch drücken können“ – dann, ja! Um ein Streetfoto zu machen ist aber mehr nötig. Genauso wie mehr dazu nötig ist um aus Farbe und einer Leinwand ein gewünschtes Ergebnis zu erzeugen.

  1. Werkzeug beherrschen
    Streetfotografen entscheiden sich sehr bewusst für eine Kamera und eine Brennweite. Sie erzeugen Tiefenschärfe, Freisteller, frieren Bewegungen ein oder lassen diese bewusst verschwimmen. Um das zu können muss man das Werkzeug im Bruchteil einer Sekunde beherrschen.
  2. Komposition erstellen
    Motive und Szenen erkennen ist schon eine Herausforderung, sie dann auch richtig zu komponieren noch eine Größere. Perspektiven werden ganz bewusst eingenommen. Protagonisten bekommen einen Platz auf der Leinwand. Aufnahmen in mehreren Ebenen gelten als Champions-League.
  3. Wissen aufbauen und einsetzen
    Um das zu ermöglichen beschäftigen sich Streetfotografen mit Fotografie, Technik, visueller Ästhetik, Licht uvm.

Fotos von Streetfotografen hätte keiner einfach mal geknipst.

Eine Streetfotografie ist ein Werk das nur aus der Kombination von Wissen, persönlichen Fähigkeiten, persönlicher Interpretation, Blickwinkel und dem individuellen Handeln möglich wird. Ja – Streetfotografien sind Kunst!

Ich gehe sogar noch weiter: Gib 50 Streetfotografen die gleiche Szene und du erhältst 50 verschiedene Bilder. Streetfotografien sind einzigartige Werke, die wie andere Kunstwerke auch nachgestellt oder kopiert werden können. Die Aufnahme in diesem Moment, mit der jeweiligen Technik, Blickwinkel und dem Ziel zu machen ist jedoch einzigartig. Das kann nicht jeder – Das kannst nur du!

Streetfotografie ist das Improtheater unter den Fotografie-Stilen

Streetfotografie ist vielleicht eine der komplexesten und herausforderndsten Formen der Fotografie. Streetfotografie ist das Improtheater der Fotografie-Stile. Es passiert ständig etwas Neues. Es gilt zu reagieren, die Reflexe und Methoden zu trainieren. Die Umgebung muss beobachtet und das vorhandene Licht richtig eingesetzt werden. Jede Aufnahme ist Aufregend und das Ergebnis völlig offen. Und wer versucht sie zu perfektionieren, Ergebnisse am Fließband wie im Studio zu produzieren, wird scheitern. Ich kenne keinen Streetfotografen der nicht >95% seiner Aufnahmen knallhart wegwirft. Ganz nach dem Motto „Ist das Kunst, oder kann das weg?“

Autoreninfo: Philipp Stenglin, 1984, beruflich in digitalen Kanälen und der Marketingkommunikation zuhause. Ich habe mich in meinem bisherigen Leben also sowohl mit Technik, Daten und IT als auch mit Kommunikation in Text und Bild intensiv auseinandergesetzt. Und, ich bin leidenschaftlicher Fotograf, weil Fotos die realste Form von visuellem Storytelling sind und die Streetfotografie im Besonderen ein rießiges kreatives Spielfeld bietet.
Mehr von mir unter www.storyphil.de – Meine Bilder findest du auf Instagram @phlippst

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