gastbeitrag: REINER GIRSCH – serien(täter)…

„If your life is worth living, it is worth recording“ Anthony Robbins – getreu diesem Motto gibt uns heute Reiner Girsch einen sehr persönlichen und authentischen Einblick in seine Fotografie. Wer ihn nicht kennt, er ist Mitbegründer und -Herausgeber von Soul of Street und gibt mit seinem Magazin der deutschen Streetfotografie seit Jahren sowohl Stimme als auch ein Zuhause.
Nicht zuletzt auch für diesen beständigen Einsatz VIELEN, VIELEN DANK lieber Reiner – der blog gehört dir…

Warum Serien für mich wichtig sind, das möchte ich Euch jetzt gerne schreiben. Serien sind aus meiner Sicht nach einigen Jahren auf der Straße eine ganz wichtige Sache geworden. 

Ich fotografiere seit Ende 2011 auf der Straße und schon damals sagte mir mein Mentor ich solle Serien fotografieren um mein Auge zu schulen und um einen Focus zuhaben. Aber es gab für mich als Neuling doch soviel auf der Straße zu entdecken und zu fotografieren das ich doch nicht all diese Motive unfotografiert lassen konnte.

Die Einsicht das es aber doch Sinn macht, kam dann fast ein Jahr später. Ich fotografierte immer wieder mit anderen tollen Streetfotografen und ärgerte mich am Ende des Tages warum ich so viele tolle Motive nicht gesehen habe, aber die anderen Fotografen. Schließlich gingen wir doch die ganze Zeit zusammen.
Nach vielen Gesprächen mit meinem Mentor und anderen Fotografen kam mir dann auch die Erkenntnis das mein Auge sowie mein Kopf eine Reizüberflutung hatten weil ich immer versucht habe alles und jeden zu fotografieren. Weil ich mich nicht auf etwas bestimmtes fokusiert habe.
Also ging ich hin und schrieb mir mal 10 Serien auf wo ich immer wieder von Bilder gesehen habe die mir sehr gefallen haben. Teilweise habe ich die Idee einer Serie 1:1 übernommen, habe sie dann aber nicht veröffentlicht weil ich nicht kopieren wollte. Aber auch das ist Blödsinn, den jeder fotografiert anders und hat eine andere Sichtweise und vor allem hat jeder einen anderen Moment.

Wie dem auch sei, ich ging also irgendwann raus und sagte mir das ich heute nur 2 Stunden fotografiere und nur Leute in einem Tunnel. An einem anderen Tag fotografierte ich nur Tüten die die Leute beim Einkaufen in einer Fußgängerzone bekommen hatten beim Shoppen. Hier legte ich mir noch selbst einen Aktionsradius von 30 Meter auf in dem ich die Tüten fotografieren darf. Und was soll ich sagen? Ich habe noch nie so viele interessante Tüten gesehen mit lustigen Motiven oder coolen Werbeslogans. Ein anderes Mal fotografierte ich nur Motive wo mindestens zwei mal die Farbe Blau drin vorgekommen ist.

Ich kann rückblickend sagen das diese fotografieren in Serien mir sehr geholfen hat.
Meine Fotos wurden besser (hat man mir damals gesagt) und ich wurde fokusierter. Ich rannte nicht mehr jedem Motiv hinterher und machte weniger Fotos, dafür wurde aber meine Ausbeute besser.
Und auch auf den Photowalks die ich regelmäßig in Köln und in anderen Städten veranstalte, sage bzw. gebe ich den Streetfotografie Anfängern immer Themen mit an die Hand, damit diese fokusiert bleiben.
Ich fotografiere heute nicht nur Serien, habe aber immer 3 bis Serien in meinem Kopf wenn ich mit der Kamera unterwegs bin.
Und ich denke vielen von Euch geht es auch so, das ihr irgendwann das Feuer für die Streetfotografie verliert, ihr denkt ihr habt doch schon alles fotografiert. Nein, das habt ihr sicher nicht. Und wenn diese Gedanken aber kommen, dann hilft es in eine andere Stadt für ein paar Tage zu reisen oder wenn man das Geld nicht hat, einfach in seiner Stadt eine neue Serie anzufangen.

Wie wäre es wenn ihr Euch mal eine Route ausguckt die ihr einmal im Monat ablauft. Immer die selbe Route. Sagen wir 2 Jahre lang. Ihr erkennt dann auf euren Bildern wie sehr sich die Gegend verändert hat oder die Bewohner. Etwas was man sonst eigentlich nicht wahrnimmt. 
Dann seid ihr in einem anderen Genre der Streetfotografie angekommen. Der Dokumentarfotografie.
Das ist für mich aktuell die spannendste Form der Fotografie. Und gerade jetzt wo man in Deutschland wegen der Pandemie nicht so oft rausgehen sollte und es auf den Straßen leerer ist, ist es die Dokumentarfotografie die mich trotzdem fotografieren lässt und mich den traurigen Alltag vergessen lässt. Zumindest für die Zeit mit der ich mit der Kamera in der Hand durch die Straßen laufe. Meinen geliebten Straßen….

Autoreninfo: » Streetfotografie ist Seele, Liebe, Schmerz. Sie trifft Dich in deinem innersten Kern, ohne etwas zu verzerren, ohne zu lügen. «

Reiner Girsch geboren Mitte der siebziger Jahre in Köln fotografierte schon als Schüler analog und kam nach mehreren Jahren Pause über die Kamera seines Vaters wieder zur Fotografie die ihn bis heute gepackt hat. 2010 kaufte er seine erste Digital Kamera und besuchte im darauf folgenden Jahr seinen ersten Workshop zum Thema Streetfotografie. Diese Art der Fotografie ließ ihn nicht mehr los Seitdem fotografiert er in Köln, aber auch in allen anderen Ländern und Städten dieser Erde, den Alltag der Menschen. Seine Bilder sind ungestellt und ungeschminkt. Er möchte den Alltag, den einfachen Moment der Menschen, darstellen und dokumentieren.

»Ich halte die Magie des Augenblicks fest, während andere ihn achtlos verstreichen lassen. «

Reiner Girsch ist Mitbegründer und -Herausgeber von Soul of Street und seit 2013 Mitglied beim Ford Foto-Club.

Kontakt: cologne1975@gmail.com

One Comment on “gastbeitrag: REINER GIRSCH – serien(täter)…”

  1. Sehr schöner Beitrag Reiner. Ich kann diesen Ansatz und die Ideen nur unterstützen. Am Anfang ist es sogar eher so, dass man sich „austoben“ will und das Feuer noch richtig flackert. Da hat man beinahe keinen Fokus für Serien, so ging es mir jedenfalls. Doch manchmal ist man dann auch der Reizüberflutung gnadenlos ausgesetzt. Man sollte mit der Zeit also unbedingt mal probieren Serien zu fotografieren, es hilft ungemein sein Auge zu schulen und lässt einen wirklich anders fotografieren. Ich bin gespannt auf weitere Serien von dir. Die hier gezeigte find ich super!

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