streetfotografie mit dem smartphone?!

1 Experiment – 2 Meinungen

von Marc Salomon & Samuel Ioannidis – Nürnberg Unposed Collective

Ergebnisse unseres Experiments mit dem Smartphone seht ihr jeweils unter unseren Beiträgen.
Marc Salomon
@99streetstylez

Wir wurden oft darauf angesprochen, ob man denn nicht auch mit dem Smartphone Streetfotografie betreiben könnte oder ob man wirklich eine teure Profikamera bräuchte.

Dieser Frage ging ich zusammen mit Samuel nach. Wir wollten selbst herausfinden ob ein Smartphone für anspruchsvolle Fotografie ausreicht oder eben nicht.

Wir zogen also los, jeder von uns beiden mit Kamera und Smartphone ausgestattet. Wir legten fest, dass wir jeweils eine Stunde mit dem Smartphone, und eine Stunde nur mit der „richtigen“ Kamera fotografieren. Sollte ein Motiv mit beiden Geräten fotografiert werden können ist das auch ok, denn man sieht dann einen direkten Vergleich.

Bei meinem Smartphone, ein Huawei P30pro, fiel mir besonders die Haptik negativ auf, man hat irgendwie eine seltsame Haltung und keinerlei physikalisches Feedback eines Auslösers oder eines Verstellrades oder dergleichen.

Ich erinnerte mich aber mal gelesen zu haben, dass man auch mit der laut/leise Taste auslösen kann, das habe ich dann auch ab und an gemacht. Es fühlt sich schon deutlich besser oder „echter“ an. Man trifft so den Auslöser besser.

Dennoch ist die Auslöseverzögerung relativ hoch, ich musste immer abschätzen und etwas früher auslösen, sonst hatte ich den richtigen Moment verpasst, weil das Foto erst ein paar Millisekunden später aufgenommen wurde. Das ist sehr ärgerlich und auch umständlich. Mit der Profi-kamera hatte ich immer das bessere Timing und konnte exakt zum richtigen Zeitpunkt auslösen, ohne Verzögerung.

Gefühlt ist es mit dem Smartphone auch etwas befremdlich, ich meinte, man hätte mich schneller entdeckt bzw. mit seltsamen Blicken angesehen. Ich kam mir fast wie ein Voyeur vor.

Das in meinen Augen aber größte Problem des Smartphones ist die nicht vorhandene Möglichkeit das Objektiv abzublenden. Man fotografiert gezwungenermaßen immer bei offener Blende.

Gut, bei den weitwinkligen Brennweiten dieser Smartphones heutzutage hat man dann den Eindruck (vor allem auf den kleinen Displays) es ist alles soweit scharf, das stimmt so aber nicht. Schaut man sich die Fotos am PC genauer an, liegt das Smartphone mit dem Fokus oft daneben. Die automatische Scharfstellung des Smartphones trifft zwar ganz gut, leider aber nicht immer. Zumindest kann man sich nicht drauf verlassen.

Die Kameraautomatiken der Smartphones stellen entweder dort scharf wo sie es für richtig halten, oder man tippt mit dem Finger dorthin wo man selbst scharf stellen möchte. Bei jeder Aufnahme neu!

Das ist überaus wichtig, denn sonst ist evtl. das Gebäude im Hintergrund scharf, die Person die im Vordergrund steht oder vorbei läuft aber nicht richtig scharf. Die Automatik erkennt im Zweifelsfall zwar die Person im Vordergrund, jedoch klappt das nicht immer, vor allem weil in der Streetfotografie die Person evtl. erst ins Bild hinein läuft, und da muss meist schon vorher auf einen bestimmten „Zielpunkt“ scharf gestellt sein.

Es gibt zwar die Möglichkeit die Schärfe beim Smartphone manuell zu verstellen, ein Fokus-Peaking gibt es an meinem Smartphone aber nicht, eine Beurteilung also recht schwierig, vor allem bei Sonnenlicht.

Wie macht man sowas also? Nun ja, man kann an „richtigen“ Kameras das Objektiv abblenden und somit die Schärfen-tiefe erhöhen (z.B. Blende 8 oder 16), sprich das Foto wird im Vordergrund und auch im Hintergrund scharf abgebildet, natürlich hat das physikalische Grenzen, aber ich kann dadurch die Hauswand scharf stellen und durch das Abblenden auch die Person ca. 3 Meter vor der Hauswand im Vordergrund auch noch scharf abbilden, sobald sie vorbei läuft.

Mit der Profikamera, in meinem Fall war es an diesem Tag die Ricoh GR III, kam ich mir zudem unsichtbarer und unauffälliger vor. Obwohl die Kamera zwar auch klein, aber doch recht klobig im Vergleich zu meinem Smartphone ist. Das ganze hatte auch einfach mehr Charakter, Einstellungen oder vorprogrammierte Profile können schnell umgestellt bzw. abgerufen werden, je nach Licht- und Motivsituation.

Und, wie oben bereits beschrieben, kann ich das Objektiv abblenden und dadurch auch unvorhergesehene Situationen scharf fotografieren bzw. alles im Vorfeld einstellen und auch so belassen.

Fairerweise muss man aber sagen, dass die Ergebnisse vom Smartphone erstaunlich gut ausfielen. Wir haben meist im „manuellen“ Modus fotografiert. Hier hat man zumindest bei meinem Smartphone die Möglichkeit auch raw-Dateien auf dem Smartphone zu speichern, die dann später am PC noch verlustfrei z.B. im Lightroom bearbeitet werden können. Das funktioniert auch mit dem Iphone habe ich mir sagen lassen.

Weiterhin kann man quasi eine Art manuelle Belichtung bzw. Belichtungskorrektur fest einstellen um zu verhindern, dass das Smartphone dauernd die Belichtung abändert, wenn man z.B. auf die Lichter (helle Bildbereiche) belichten möchte.

Ob nun die Ergebnisse der Profikameras oder der Smartphones besser sind kann man also so nicht sagen.

Die Auflösungen der Smartphones sind derzeit wirklich hoch genug, die Fotos können durchaus auch gedruckt werden.

Mein Fazit ist somit, dass es durchaus möglich ist das Smartphone zu nutzen wenn mal keine richtige Kamera verfügbar ist oder man sogar nur ein Smartphone besitzt.

Also ja, auch mit dem Smartphone kann man Streetfotografie betreiben. Sicherlich auch andere Genres der Fotografie.

Empfehlen würde ich aber trotzdem einen richtigen Fotoapparat, es macht damit einfach mehr Freude und die Möglichkeiten manuell (mit physischen Knöpfen und Rädchen) in den Prozess einzugreifen sind einfach um ein vielfaches höher und komfortabler.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß beim aus-probieren eures Smartphones.

Gruß, Marc


Samuel Ioannidis
@samuel.ioannidis

Mittlerweile in 2022 angekommen, schaue auch ich ab und an hinter die Kamera bzw. in die Kamera hinein, um evtl. neue Modelle zu entdecken, Features, Firmware-Updates neue Objektive usw.

Man wird ja auch immer wieder im Freundeskreis gefragt, welche Kamera man empfehlen kann. Ich bin generell sehr technikinteressiert, aber meine Empfehlung würde immer wieder lauten: „Nimm die Kamera, die dir am Besten gefällt!“.

Mittlerweile ist selbst die Kameratechnik der Smartphones so weit entwickelt (auch wenn da eher Software-Prozesse dafür verantwortlich sind, als große Sprünge in der Optik), dass man gute Fotos damit machen kann.

Von daher gilt tatsächlich der bekannte Spruch „Die Kamera die man dabei hat ist die Beste“ immer noch. Eine Kamera die man so oder so immer dabei hat oder die einem „gefällt“ hat man eben immer dabei und verpasst somit keine Motive.

Generell gesagt gilt in der Streetfotografie auch nicht das Credo der technischen Perfektion. Hier steht Bildaufbau, Ästhetik, Emotion, Originalität, Beobachtungsgabe und viele unzählige andere Fähigkeiten vor der reinen Technik oder einer „klinischen“ Schärfe, kalibrierten Farbwiedergabe etc.

Daher ist es eigentlich ziemlich überraschend, dass wir das nicht häufiger gefragt werden. Also ob man Streetfotografie auch mit dem Handy/Smartphone machen kann.

Als Marc und ich eines Tages nochmal eben genau diese Frage gestellt bekommen haben, dachten wir uns für einen unserer zukünftigen Streetwalks ein kleines Experiment aus –> „Lass uns mal 1 Stunde lang nur mit dem Smart-phone fotografieren“… gesagt, getan.

Marc hat sein Huawei P30 Pro und ich mein Samsung S9+ auf den manuellen Kameramodus gestellt, als einzige Voraussetzung für unser Experiment. Wir wollten selbst die Kontrolle über die Belichtung behalten, da uns dunkle Schatten und etwas härtere Kontraste gefallen und der Automatikmodus der Smartphonekameras meistens genau hier korrigierend eingreift (Team #schattenfritzen :D).

Zu unserem Glück, war es auch ein schöner sonniger Nachmittag als es losging. Die Kameras bereits eingeschaltet in der Hand und los ging es in der Altstadt.

Erste interessante Schattensituationen wurden gleich aus-genutzt. Unser primäres Ziel war es nicht unbedingt ein perfektes Streetfoto in der Zeit des Experimentes zu machen, sondern erstmal nur ob „es geht“.

Und schon nach einer halben Stunde schauten wir uns beide mehr oder weniger verwirrt an und zeigten uns gegenseitig unsere ersten Ergebnisse.

Die Überraschung war tatsächlich größer als erwartet. Ja, es geht definitiv!

Auch wenn man umdenken muss, weil meist ist das Objektiv in den Smartphones weitwinkliger, das LCD Display und der Auslöseknopf usw. Die Fotos waren aber durchaus vorzeigbar.

Sicherlich hat man hier und da Limitationen, insbesondere beim Bearbeiten der Fotos. Aber die Frage war trotzdem schneller beantwortet als wir dachten.

Zugleich wusste ich aber auch ziemlich schnell, dass das für mich nichts von Dauer ist. Schnell ist mir klar geworden, warum es eine Kamera sein muss. Ich mag die Haptik einer „echten“ Kamera zu sehr. Genauso das Auslösegeräusch, die Einstellungsräder und das (im Gegensatz zum Smartphone) spärlichere Menü.

Ich komme mit einer echten Kamera besser in den Moment bzw. „Flow“ und somit langfristig vermutlich auch zu besseren Ergebnissen.

Ganz im Sinne „der Weg ist das Ziel“ geht es mir also nicht nur um das Endergebnis, also ein schönes Foto, sondern auch rein um die Tatsache das ich ein für die Fotografie dediziertes Werkzeug, eine Kamera, in die Hand nehme die mir auch optisch gut gefällt und fotografieren gehe damit.

Meine persönliche Konklusion: Ja, Streetfotografie mit dem Smartphone ist machbar. Werde ich dauerhaft auf ein Smartphone umsteigen? – Definitiv nein.

Wie seht ihr das? Schreibt uns doch eine Nachricht oder einen Kommentar hier unter dem Artikel. Das würde uns sehr freuen!

Bis bald, Euer Samuel


2 Comments on “streetfotografie mit dem smartphone?!”

  1. Mir geht’s so wie Marc. Es ist sehr schwer, kontrolliert auszulösen.
    Das ist übrigens auch bei meinen Fuji Instax Kameras (Wide 300 und Mini 90) so. Man hat einfach keine sinnvolle Haptik, muss immer raten, wann und wie am besten auszulösen ist.

    1. Danke für deine Rückmeldung Jürgen :). Ja, das stimmt. Wenn mit Handy, dann löse ich per Hardware-Taste aus, die ich vorher konfiguriert habe. Aber selbst da hat man eine leichte Verzögerung. Bei meiner Instax mini 90 kenne ich das auch, aber damit mach ich noch keine Streetfotografie.
      Marc und ich experimentieren aktuell ein wenig mit älteren kompakten Digitalkameras. Da ist es übrigens genauso, wenn nicht sogar schlimmer, da neuere Smartphones ja auch mehr Rechenleistung haben. Ein neuer Artikel mit gleichem Format (1 Experiment, 2 Meinungen) ist schon in Vorbereitung :).

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