streetphotographie – „handwerk“ vs. kreativität/kunst

Ursprünglich war dieser Artikel als Gastbeitrag eines unserer locals geplant – Samuel Ioannidis begleitet uns schon seit einiger Zeit und hat uns angesprochen, ob er sich nicht in der ein oder anderen Form einbringen kann. Und wir waren uns ziemlich schnell einig.
Also lieber Samuel, wenn du möchtest, ist dieser Beitrag so zu sagen dein Debüt – wir würden dich sehr gerne als neues Mitglied im Kollektiv begrüßen!
Und nun gehört der blog dir…

„If you can smell the street… it´s a street photograph“… von Bruce Gilden ist wohl eins der bekanntesten (und gerne genutzten) Zitate in der Szene. Aber wie kommt man zu einem Bild das nach Straße „riecht“? Ist die Technik und deren Beherrschung in Verbindung mit den best-practices der Fotografie (Goldener Schnitt, rule of odds, Drittelregel usw.) schon das ganze Rezept zu einem guten (nach Straße riechendem) Streetphoto?

Als ich anfing, mich für die Streetphotographie zu interessieren und allmählich zu begeistern, habe ich mich nicht als sonderlich kreativ oder künstlerisch begabt gesehen… woran sich meiner Meinung nach nicht viel geändert, sondern nur der Schwerpunkt verschoben hat (hierzu aber später mehr). Für mich als theorie-/kopflastigen Menschen stand erstmal auf dem Plan, sich einzulesen in die Thematik. Welche Hürden gibt es zu bezwingen? Welches Objektiv ist das richtige für Streetphotographie, welche Kameraeinstellungen bzw. welche Regeln und vor allem wie verliert man die Angst davor auf die Straße zu gehen und Momente einzufangen? Wie machen es andere und welches Equipment und Einstellungen nutzen sie.

Und auch wenn sich dieser Ansatz eventuell falsch anhört, hat es doch als solide Basis für die spätere Umsetzung in die Praxis und auf der immer noch währenden Reise seinen eigenen Stil zu finden gedient. Einige bis dahin aufgefasste „handwerkliche“ Tipps hat man übernommen und andere wiederum durch stetige Praxis fallen gelassen, da sie sich für einen selbst nicht als praktikabel erwiesen haben. Aber warum überhaupt die Gegenüberstellung zwischen Handwerk und Kunst?

Dies hat  auch ein wenig mit den sehr unterschiedlichen Definitionen dessen, was eigentlich Streetphotographie ausmacht, zu tun, die am Anfang durchaus sehr verwirren können wenn man eine Art „Leitfaden“ für sich sucht. Das Zitat am Anfang von Bruce Gilden ist am Ende quasi eine subjektive Aussage eines großartigen Fotografen, der seinen eigenen unverwechselbaren Stil gefunden hat. Diesen konnte er aber vermutlich perfektionieren weil er sein „Handwerk“ bereits vollumfänglich beherrscht hat. Er hat sozusagen durch die Beherrschung der Technik zu seinem Stil gefunden, ohne jedoch das die Technik ihm seinen Stil vorgibt, sondern genau anders herum. Näheres zu seinem Stil und welche handwerklichen Methoden er auf der Straße nutzt (z.B. seiner Blitztechnik, Einsatz seines Equipments und sein besonderes und auch umstrittenes „Zugehen“ auf Menschen etc.) findet man auf den üblichen Videoplattformen.

Hätte er zum gleichen Stil gefunden, wenn er z.B. mit einer vollautomatischen Smartphonekamera, wie sie heute üblich sind, seinen Weg gegangen wäre? Das kann man natürlich nicht wissen, ich halte es aber dennoch für unwahrscheinlich. Ein Kopieren seines Stils (falls das überhaupt möglich ist) mit eigenen Nuancen wäre aus meiner Sicht nur möglich, wenn man das Handwerk der Fotografie beherrscht. Kein Automatikmodus einer Kompaktkamera oder eines Smartphones (abgesehen vielleicht von irgendwelchen Filtern und Bearbeitungsprogrammen) kann da in die Nähe dessen kommen, wenn der Fotograf sein Handwerk, also Kameraeinstellungen etc. beherrscht und dauernd in handwerklicher Manier übt.

Viele Bilder sind anfangs erstmal nicht so gut. Es entsteht sehr viel „Ausschuß“ – kann ich aus eigener Erfahrung sagen, was immer noch je nach Tagesform zutreffen kann. Als einfaches Beispiel: Ein Möbelstück eines Schreinergesellen kann (in den meisten Fällen) noch nicht die Qualität und Güte eines Schreinermeisters erreichen, der sein Werkzeug bereits durch jahrelange Erfahrung in- und auswendig inkl. deren spezifischen Tücken  kennt. Selbst bei gleichem Ausmaß an Kreativität und Vorstellung wie das Mobelstück mal aussehen soll, kann der Schreinermeister durch seine handwerkliche Erfahrung und Vorkenntnisse seine Idealvorstellung des Möbelstücks besser in die Praxis umsetzen.

Das Gleiche gilt auch für einen anderen Streetphotographen, den ich klasse finde. Sean Tucker hat auch durch die Beherrschung der Technik und Umsetzung der Theorie seinen eigenen distinktiven Stil gefunden, auch wenn laut eigener Aussage ihm viele vorwerfen, keine Streetphotographie zu betreiben, womit wir wieder bei den unterschiedlichen Definitionen der Streetphotographie wären. Auch ich habe oft versucht, auf dem Weg meinen eigenen Stil zu finden, seinen Stil zu kopieren… und bin oft kläglich gescheitert. Erst durch ständiges Üben und durchprobieren von Einstellungen, Belichtungs- und Bearbeitungsmethoden bin ich überhaupt erstmal in die grobe Nähe gekommen. Auf dem Weg dahin habe ich aber sehr viel Neues gelernt und somit fällt es mir einfacher das neu erlernte in einen eigenen Stil zu übersetzen. Bis zum definitiv eigenen Stil ist es zwar noch ein langer Weg, aber ich kann jetzt meine Kreativität und somit auch meine Kunst besser steuern. So dass ich hoffentlich als „Geselle“ meine Idealvorstellung eines Streetphotos mit der Zeit immer besser in die Praxis umsetzen kann.

Gerade eine Plattform wie Instagram macht (zurecht, wie ich finde) einen Direkteinstieg in die Fotografie ohne viel Vorkenntnisse bzw. Theorie und Zubehör möglich. Man kann seiner Kreativität mit z.B. dem Smartphone direkt freien Lauf lassen, was ich durchaus positiv finde. Durch die diversen Softwareprogramme lassen sich auch (wie man täglich auf Instagram sehen kann) sehr schöne Ergebnisse erzielen. Dafür spricht auch die schier große Anzahl an täglichen Foto-Uploads, die nicht alle mit der neuesten, teuersten und besten Fotokamera gemacht werden. Und genau hier ist die Verschiebung von „Handwerk“ in Richtung reiner Kreativität sichtbar.

Lassen sich aber im Umkehrschluß nur mit „handwerklichen“ Fähigkeiten gute Bilder machen? Jein… wenn man sich z.B. an die, in der Einleitung angesprochenen Regeln der Fotografie hält (Drittelregel, goldener Schnitt etc.), lassen sich durchaus ansehnliche (Instagram-relevante) Fotos machen. Wenn das dem eigenen Anspruch bzw. der Umsetzung einer Idealvorstellung in die Praxis jedoch nicht reicht, sollte spätestens hier die Verschiebung (nicht die Ignorierung!) von Handwerk (siehe Beispiel mit Schreinergeselle und Schreinermeister) Richtung Kreativität beginnen. Dies heißt, weiter zu experimentieren mit dem Werkzeug und den Fähigkeiten die man bis hierhin erlernt hat. Bewusst auch Regeln brechen und ohne schlechtes Gewissen Ausschuß zu produzieren und sich immer wieder zu hinterfragen, was man wohl falsch gemacht hat und ob es auf dem Weg zu mehr Kreativität auch neue „handwerkliche“ Kniffe gibt die zu mehr Kreativität beitragen können.

Am Ende bleibt zu sagen, dass für mich persönlich beides Hand in Hand geht. Technik und Kreativität. Am Ende jedoch zählt das kreative Ergebnis. Ganz im Sinne des Fotografen Elliott Erwitt:

“All the technique in the world doesn’t compensate for the inability to notice.”


Euer Samuel
IG: samuel.ioannidis
www.streetsight.de

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